• Markus

Probekapitel für "mein Buch"

Beim Sterben begleiten

Der Raum ist nicht sehr groß, von der Tür aus kann man ihn schnell überblicken. Das Bett steht hinten rechts in der Nähe des Fensters, durch das an diesem späten Nachmittag noch ein paar Sonnenstrahlen in das Zimmer fallen. Es ist nüchtern eingerichtet, Bett, Tisch, Schrank, ein paar Bilder an den Wänden. Auf der dem Fenster zugewandten Seite steht ein Stuhl. Mein Stuhl für diesen Nachmittag. Auf ihm werde ich sitzen, denke ich, und werde da sein. Einfach nur da. Für sie.

Sie liegt im Bett, trägt ihr Lieblingsnachthemd, das mit dem bunten Muster, das eigentlich eine solche Lebensfreude ausstrahlt. Doch diese Lebensfreude ist in diesem Zimmer schon einige Zeit nicht mehr zu Hause. Sie ist dem Warten auf den Tod gewichen. Ja, Frau Schulte wartet auf den Tod, und ich begleite sie in diesen letzten Tagen und Stunden ein kleines Stück ihrer Wartezeit.

Ich setze mich zu ihr ans Bett, nehme meinen Platz auf dem Stuhl ein, wie ich es bereits einige Male zuvor gemacht habe und betrachte sie, wie sie friedlich auf dem Bett liegt, die Augen geschlossen, der Atem geht leicht, ich sehe, wie ihr Brustkorb sich sanft auf und ab bewegt.

Sprechen wird sie heute wahrscheinlich nicht mit mir. Verbale Äußerungen gab es in den letzten Tagen immer weniger, ein Zeichen dafür, dass immer mehr Frieden in das kleine Zimmer einzieht. Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung, die ich mit Sicherheit niemals vergessen werde. Die Schwester des Pflegeheims, in dem das Zimmer sich befindet, hatte mich eingewiesen, mir die wichtigen Dinge erklärt und mich dann allein gelassen. Allein mit Frau Schulte, die während der kompletten Zeit, in der die Schwester im Raum war, geschwiegen hatte. Doch kaum war die Tür ins Schloss gefallen und außer uns beiden niemand mehr im Raum, blickten mich ein Augenpaar mit ein flehentlichen Blick an und zwei Worte füllten den Raum, die in meinem Kopf eine Mischung aus Bestürzung und Verwirrung auslösten, wie ich sie mir schlimmer nicht hätte ausdenken können.

„Erschieß mich!“ Und noch einmal: „Bitte, bitte, erschieß mich!“ Noch während ich zu verarbeiten versuchte, was ich da gerade zu hören bekam, wiederholte sie ihre Worte noch einige Male, bis sie verstummte und nichts als ihr Blick übrig war, der mir immer und immer wieder die Worte sagte: „Erschieß mich!“

Nach dem ersten Schock fing ich mich und besann mich auf meine Aufgabe, die ich in diesem Raum erfüllen wollte. Erschießen gehörte nicht dazu, und so begann ich Frau Schulte zu erklären, dass ich das nicht machen könne. Nachdem ich einige Erklärungsversuche gestartet hatte, merkte ich, wie wenig davon bei der Adressatin ankam. Schließlich sparte ich mir weitere Versuche und hörte ihr noch ein wenig zu, wenn sie mir von früher erzählte, von ihrem Sohn, und von Dingen, die sie in einer lange zurück liegenden Zeit einmal getan und geliebt hatte.

Die Aufforderung, sie zu erschießen, wiederholte Frau Schulte bei unseren weiteren Begegnungen nicht mehr. Vielleicht spürte sie, dass der Mann mittleren Alters, der da an ihrem Bett saß, nicht dazu gekommen war, ihrem Leben aktiv ein Ende zu setzen.

Heute spricht sie, wie schon beim letzten Mal, gar nicht mit mir, liegt nur da, atmet sanft und schläft. Nichts passiert, für jemanden wie mich, der sich bis vor gar nicht allzu langer Zeit quasi im Minutentakt auf neue Situationen einstellen und reagieren bzw. agieren musste, kaum auszuhalten. Meine Gedanken kreisen, obwohl ich mich dagegen wehre, schleicht sich auch ein Gedanke dazwischen, der sagt: „Warum sitzt Du eigentlich hier? Sie schläft doch sowieso und bekommt gar nicht mit, ob Du da bist oder nicht. Geh doch einfach und kümmere Dich um andere Dinge.“

Noch während ich das denke, passiert doch etwas. Etwas im wahrsten Sinne des Wortes Zwischenmenschliches. Ich spüre Energie. Sie fließt zwischen mir und Frau Schulte, bei mir macht sich ein leichtes Gefühl der Verbindung im Bereich des Brustkorbs bemerkbar, in unmittelbarer Nähe zum Herzen. Ich spüre, dass sie spürt, dass ich da bin. Ich spüre, dass ich hierbleiben muss. Hier, vor Ort, an ihrem Bett, auf diesem Stuhl, in diesem Raum. Denn ich begleite sie. Beim Sterben. Und dabei läuft man nicht mal eben weg.

Präsent sein

Frau Schulte war der erste Mensch, für den ich als Sterbebegleitung da sein durfte. Sie war 94 Jahre alt, im Endstadium der Demenz und wie viel sie wirklich noch davon mitbekam, dass da ein wildfremder Mensch an ihrem Bett saß, der sie ein Stück ihres letzten Weges begleitete, kann niemand so ganz genau sagen. Aber sie hat es mitbekommen, das ist mir in der eben beschriebenen Szene klar geworden.

Ich musste am Bett von Frau Schulte die meiste Zeit „einfach nur“ da sein. Präsenz zeigen. Mit Präsenz zeigen kenne ich mich aus, denn über zwei Jahrzehnte meines Berufslebens war Präsenz das, was in jeder einzelnen Minute von mir gefordert war. Doch das war eine ganz andere Präsenz. Die Präsenz des Unternehmers und zuletzt vor allem die des Managers, der mit jeder Entscheidung potenziell Millionen für sein Unternehmen verdienen oder auch vernichten könnte. Der mit seinen Entscheidungen auch darüber richtet, ob Mitarbeiter morgen und übermorgen noch Jobs haben oder nicht. Als ich die Position antrat, die ich bis vor nicht allzu langer Zeit noch innehatte, war eine meiner Amtshandlungen, Hunderte von Stellen im Unternehmen abzubauen und damit Menschen den Boden ihrer Existenz zumindest für diesen Moment unter den Füßen wegzuziehen. Ich musste das noch einige Male machen, und mit jedem Mal mehr merkte ich, wie ich innerlich abstumpfte, weil ich diese Entscheidungen sonst gar nicht mehr hätte treffen können. Ich funktionierte, weil ich Ahnung davon hatte, wie ich meinen Job machen musste und ihn im Sinne der Firma gut machte. Für Menschlichkeit war im beruflichen Umfeld kaum Platz. Immerhin führte ich keine kleine Firma mit ein paar Mitarbeitern, sondern war Europachef von Blackberry und damit letztlich verantwortlich für tausende von Menschen auf der einen Seite und für Expansion und Gewinne auf der anderen. Beidem wirklich gerecht zu werden ist ein Spagat, der eigentlich gar nicht zu schaffen ist.

Der Moment, in dem dein Leben kippt

Wenn Menschen ihr Leben radikal ändern, steht sofort eine Frage im Raum: Gab es den einen Moment, in dem Du plötzlich wusstest, dass alles anders werden muss? Die Erleuchtung gewissermaßen, die Eingebung?

Bei mir gab es diesen Moment tatsächlich. Und er war für sich genommen so unscheinbar, so alltäglich und flüchtig, dass ich ihn sicher vergessen hätte, wenn er nicht von jetzt auf gleich einen Punkt in mir berührt, ein Tür geöffnet hätte, die ich lange Zeit gut verschlossen gehalten hatte.

Der Moment dauerte nur eine Minute, vielleicht auch zwei. Es war an einem der zahllosen Flughäfen, die in jener Zeit zu den Orten gehörten, an denen sich ein Teil meines atemlosen Lebens abspielte. Ich war wieder mal unterwegs, irgendwo zwischen der Blackberry-Zentrale in London und anderen Orten, an denen ich mich als Europachef um verschiedene strategische Dinge kümmern musste. Da ich gerne lese und mich in meiner damals extrem knappen privaten Zeit bereits viel mit philosophischen und auch spirituellen Themen beschäftigt hatte, machte ich einen kurzen Abstecher in die Buchhandlung des Flughafens und schaute mir die Titel im Regal mit Büchern zum genannten Thema an. Ein Cover sprang mir sofort ins Auge. „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ stand da in roten Buchstaben auf hellem Untergrund. Das Buch zog mich magisch an, ich nahm es aus dem Regal und schlug das Inhaltsverzeichnis auf. Dort waren die Kapitel in die im Titel genannten fünf Dinge unterteilt, und die ersten drei kamen wir so bekannt vor, als wenn ich sie selbst in dieses Buch hineingeschrieben hätte:

- Ich hätte gerne mutiger gelebt

- Ich hätte gerne mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbracht

- Ich hätte gerne weniger gearbeitet

Weiter las ich gar nicht, ich kaufte das Buch auch in diesem Moment nicht (einige Zeit später dann allerdings schon), schließlich hatte ich wie immer keine Zeit, sondern musste zum Gate, den nächsten Flieger bekommen, in die nächste Stadt jetten, folgenschwere Entscheidungen treffen. Der Wirkungstreffer jedoch war gesetzt. Die drei Sätze gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, und je länger ich sie in meinem Gedanken bewegte, desto stärker erkannte ich, dass ich in diesem winzigen Moment exakt die Aussagen gelesen hatte, die tief in mir drin schon seit geraumer Zeit arbeiteten. Ich fühlte mich bis ins Mark getroffen, schloss im Flieger einen Moment die Augen und sah die Konsequenz aus diesem Erlebnis glasklar vor mir: Ich vergeudete mein Leben, war tagaus, tagein damit beschäftigt, sinnlose Dinge zu tun und auf dem besten Wege, mich selbst komplett zu verlieren.

Als der Flieger an meinem Zielort den Boden berührte, hatte ich die wichtigste und beste Entscheidung meines Lebens längst getroffen: Ich würde kündigen, den Job als Manager kurz unter der Vorstandsebene einfach aufgeben, einfach zur Seite aus dem Hamsterrad rauskippen.

Genau so kam es dann auch. Ich verlor keine Zeit, kündigte zum nächstmöglichen Zeitpunkt und wurde kurz darauf von meiner Firma freigestellt. Noch am Abend meines letzten Arbeitstages flog ich nach Thailand und verbrachte dort sechs Wochen in der Ferienanlage eines Freundes mit der Suche nach dem Menschen, den ich über all die Jahre langsam aber sicher verloren hatte. Mit der Suche nach mir.

Die Entscheidung, von Hundert auf Null runterzufahren hatte ich allerdings noch ganz im Managermodus getroffen, das wurde mir bald klar. Ich sah in diesem kurzen Moment in der Flughafenbuchhandlung ein deutliches Ziel vor Augen und leitete alles in die Wege, um dieses Ziel zu erreichen. Diese Vorgehensweise hatte ich in all den Jahren als selbständiger Unternehmer und als angestellter Manager perfektioniert, ohne diese Klarheit in den Handlungen kann man in dieser Welt nicht überleben.

Jetzt jedoch saß ich zunächst in Thailand und direkt anschließend mehrere Wochen in Südafrika in luxuriösen Appartements und merkte, wie mich das fehlende Ziel innerlich quälte. Ich konnte mit mir selbst nichts anfangen, der Typ, der da mit viel Geld auf dem Konto und allen Möglichkeiten im Leben rum saß, wollte ein anderer sein, und hatte keinen Plan, wie er das anstellen sollte. Ich war mir so fremd geworden, dass ich keine Ahnung hatte, was diesen Fremden vielleicht wieder glücklich machen könnte.

Hätte ich näher am Wasser gebaut, wären mir vor lauter Verzweiflung über meine Unentschlossenheit vielleicht manches Mal die Tränen gekommen, doch so lebte ich nur einigermaßen planlos in den Tag hinein und dachte pausenlos nach.

Dann jedoch kam der Tag, an dem ich die Tränen nicht zurückhalten konnte. Es schüttelte mich regelrecht durch, für einen kurzen Moment wunderte ich mich über mich selbst, war mir jedoch sehr schnell auch klar darüber, dass etwas, das mich derart persönlich angriff, einen tief in mir liegenden, sehr empfindlichen Punkt berührt haben musste. Das, was mich da so extrem aufwühlte, war ein Artikel über Sterbebegleitung in irgendeinem Magazin. Dort wurden Menschen portraitiert, die in kleinen Zimmern auf kleinen Stühlen an Betten saßen. Die dort mit Menschen zu tun hatten, die sich vielleicht in Momenten der Verzweiflung manchmal wünschten, dass jemand kommen möge, der sie erschießt und ihrem Leiden damit ein Ende macht. Und die doch in Wirklichkeit nur jemanden brauchten, der ihnen nah ist und sie in den letzten Stunden ihres Lebens nicht allein lässt.

Sexualität und Tod ins Leben integrieren

Wenn ich meine Geschichte erzähle, begegnet mir manches Mal die nüchterne Feststellung: „Naja, Du hast ja auch eine Menge Geld verdient, da kann man es sich ja auch im wahrsten Sinne des Wortes leisten, den Job hinzuschmeißen und an der Selbstverwirklichung zu arbeiten!“

Ich reagiere darauf nie beleidigt oder mit Abwehr, denn ich weiß sehr gut, dass in dieser Feststellung ein Fünkchen Wahrheit liegt. In der Tat konnte ich meine Entscheidung treffen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob mich das in finanzielle Schwierigkeiten stürzt. Ja, ich konnte es mir „leisten“! Umso wichtiger ist es mir jedoch, vom Kern meiner Entscheidung zu erzählen. In diesem Kern geht es nicht um Geld oder Macht. Es geht darum, innere Persönlichkeit und äußeres Tun auf eine Ebene zu bringen. Ich habe lange Zeit zwei Leben gelebt, ohne diese wirklich integrieren zu können. Ich war der, der sich im Privatleben viele Gedanken im wahrsten Sinne über „Gott und die Welt“ gemacht hat und gleichzeitig der, der in



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Mein Name ist Markus C. Mueller und ich bin ehrenamtlich als Hospiz Helfer bzw. Sterbebegleiter tätig. Von 2015 bis Anfang 2016 habe ich beim Hospizverein DaSein in München meine Ausbildung zum Hospizhelfer absolviert und von September 2016 bis Oktober 2018 war ich als Sterbebegleiter bei der Spitex in Bern ehrenamtlich tätig. Der Tod, palliative care und die Hospiz Bewegung beschäftigen mich. Im Dezember 2018 habe ich mit 3 anderen die Nui Care GmbH gegründet, die ich seitdem führe.

 

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